Ein Bruchstück in 30 Metern Höhe: wann ein Fassadenbefund kein Schadensfall ist

Unter der Fassade führt ein öffentlicher Weg zum Fahrradständer. Darüber, in der obersten Reihe der Waschbetonplatten, klemmt etwas zwischen zwei Platten. Von unten ist das nicht zu erkennen. Vom Dach aus auch nicht. Und ein Gerüst für eine reine Sichtprüfung an einem Hochhaus ist weder in Tagen zu stellen noch wirtschaftlich zu rechtfertigen.

So sah die Ausgangslage aus, als ich im Januar 2026 für einen Bausachverständigen an ein Hochhaus in Köln gerufen wurde. Der Auftrag lautete zunächst nicht, einen Schaden zu suchen. Er lautete, die Fassade so zu erfassen, dass der Sachverständige sie als 3D-Modell am Bildschirm systematisch durchgehen kann.

Warum die Fassade überhaupt geprüft wurde

Waschbetonplatten sind an Gebäuden aus dieser Bauzeit weit verbreitet und altern nicht gleichmäßig. Ankerpunkte korrodieren, Fugen arbeiten, einzelne Platten lösen sich. Wer die Verkehrssicherungspflicht für ein solches Gebäude trägt, muss in regelmäßigen Abständen belegen können, dass er hingesehen hat. Über einem öffentlichen Weg ist das keine Formsache.

Das Problem an der Sichtprüfung vom Boden aus: Sie sehen die untersten drei Reihen. Alles darüber beurteilen Sie mit dem Fernglas und Ihrer Erfahrung. Das reicht für einen ersten Eindruck und nicht für eine Dokumentation.

 

Ein Modell statt einzelner Fotos

Ich bin die Fassade per Drohne systematisch abgeflogen und habe daraus per Photogrammetrie ein 3D-Modell gerechnet. Der Unterschied zu einer Serie von Einzelfotos ist entscheidend: Im Modell hat jede Platte ihren Ort. Der Sachverständige kann Reihe für Reihe durchgehen, heranzoomen, Abstände messen und eine Auffälligkeit eindeutig verorten, statt sie in dreihundert Bilddateien wiederzufinden.

Genau so ist der Befund entstanden. Nicht ich habe ihn gefunden, sondern der Sachverständige, beim Durchsehen des Modells am Schreibtisch. In der obersten Plattenreihe klemmte ein Bruchstück in der Fuge zwischen zwei Platten.

Der zweite Flug

Ein Bruchstück in dieser Höhe über einem Weg, den täglich Menschen benutzen, ist erst einmal ein Alarm. Die Frage war: liegt es lose in der Fuge, oder sitzt es fest?

Für die Antwort bin ich ein zweites Mal geflogen, diesmal mit der 166-mm-Telekamera. Damit halte ich sicheren Abstand zum Bauwerk und bekomme trotzdem eine Detailaufnahme, auf der Millimeter erkennbar sind. Kein Kontakt mit der Fassade, keine Absperrung des Weges, keine Hubarbeitsbühne. Das ist der große Vorteil bei Bauwerks- und Dachinspektion per Drohne 

Auf den Detailaufnahmen war zu sehen, dass das Bruchstück mit Silikon benetzt ist. Silikon kommt dort nicht von allein hin. Das Stück lag also bereits in der Fuge, als die Fugen gezogen wurden, und damit seit dem Bau. Kein neuer Schaden, keine akute Gefahr, keine Sperrung.

Warum die Entwarnung das eigentliche Ergebnis ist

Ein Befund, der sich auflöst, fühlt sich nach vergeblicher Arbeit an. Er ist das Gegenteil. Ohne den zweiten Flug hätte am Anfang eines langen Wegs gestanden: Weg sperren, Fachfirma beauftragen, Hubsteiger bestellen, Stellfläche organisieren. Das kostet Geld und Nerven, und am Ende hätte dort jemand ein Stück Beton mit Silikonrand in der Hand gehalten.

Die Kombination macht den Unterschied. Das Übersichtsmodell zeigt, wo etwas ist. Die Detailaufnahme zeigt, was es ist. Keines von beiden reicht allein.

Was ich nicht mache

Ich erfasse und dokumentiere, ich bewerte nicht. Dass das Silikon bedeutet, was es bedeutet, hat der Sachverständige entschieden, nicht ich. Genau deshalb arbeiten Sachverständige mit mir: Sie bekommen belastbares Bildmaterial und behalten die Beurteilung in der eigenen Hand.