Baufortschrittsdokumentation: Vorher-nachher-Vergleich mit dem 3D-LiDAR-Scanner

Zwei Bauzustände synchron nebeneinander begehen: Was Matterports Side-by-Side-Vergleich für Architekten und Bauträger in der Baufortschrittsdokumentation leistet, und wo die Grenzen liegen.

Der Moment kommt in fast jedem Projekt. Der Estrich liegt, die Vorwandinstallation ist geschlossen, und in der Baubesprechung fragt jemand, ob die Leitung tatsächlich dort verläuft, wo sie im Plan eingezeichnet ist. Ab da gibt es drei Wege: Man verlässt sich auf die Erinnerung der Beteiligten, man öffnet das Bauteil, oder man schaut nach. Der dritte Weg setzt voraus, dass vorher jemand gescannt hat.

Genau an dieser Stelle wird Baufortschrittsdokumentation von einer Fleißaufgabe zu einem betriebswirtschaftlichen Thema. Und seit Matterport die Funktion **Side-by-Side** in die öffentliche Beta gegeben hat, wird sie zusätzlich deutlich brauchbarer, weil sich zwei Bauzustände nicht mehr nur nacheinander ansehen, sondern synchron nebeneinander begehen lassen.
 

Die Zahlen hinter dem Thema

Das Mängelaufkommen im deutschen Bau ist kein Randproblem. Der Bauherren-Schutzbund hat gemeinsam mit dem Institut für Bauforschung rund 700 baubegleitende Qualitätskontrollen an 100 Bauvorhaben aus den Jahren 2020 bis 2024 ausgewertet. Ergebnis: durchschnittlich rund 25 Mängel während der Bauphase, dazu 6 weitere bei der Schlussabnahme, in Summe 31 Mängel pro Bauvorhaben. 2019 lag der Wert noch bei rund 29. Bei jedem zweiten Bauvorhaben wurden auch bei der Schlussabnahme noch Mängel festgestellt, und mit 22 Prozent ist der Innenausbau, z. B. Estrich- und Putzarbeiten, der größte Verursacher 
Quelle: BSB, Mai 2025 https://www.bsb-ev.de/politik-presse/presseservice/pressemitteilungen/31-maengel-pro-hausbau.

Auf Branchenebene rechnet BauInfoConsult in seiner Jahresanalyse gegen: Die 600 befragten Architekturbüros und Bauunternehmen schätzten den Fehlerkostenanteil am Branchenumsatz für 2022 auf im Mittel 8,1 Prozent, was bezogen auf rund 160,3 Milliarden Euro Umsatz im Bauhauptgewerbe etwa 13,0 Milliarden Euro Fehlerkosten entspricht. Interessanter als der Branchenwert ist die Selbstauskunft zu den eigenen Projekten: Dort nannten dieselben Befragten im Schnitt 15,9 Prozent 
Quelle: BauInfoConsult via haustec.de, 2023 https://www.haustec.de/management/markt/baubranche-mindestens-13-milliarden-euro-fehlerkosten.

Je später ein Mangel entdeckt wird, desto teurer wird seine Beseitigung. Der wirtschaftliche Nutzen unabhängiger Kontrollen liegt auf der Hand.

BSB-Geschäftsführer Florian Becker. Quelle: https://www.bsb-ev.de/politik-presse/presseservice/pressemitteilungen/31-maengel-pro-hausbau

Was Side-by-Side technisch macht

Bisher lief der Vergleich zweier Bauzustände so: zwei Browsertabs, zwei Modelle, und der Betrachter versucht, in beiden ungefähr dieselbe Stelle zu finden. Side-by-Side löst das anders. Zwei oder mehr abgeschlossene Scans desselben Gebäudes werden im Matterport Composer auf dasselbe Koordinatensystem gelegt, also im Wortsinn übereinander gestapelt und an gemeinsamen Wänden und Böden ausgerichtet. Dafür gibt es Magnet-Werkzeuge für Wand- und Bodenflächen, ein manuelles Bewegungswerkzeug und eine Auto-Align-Funktion, die die Feinjustierung übernimmt.

Aus dieser Ausrichtung entsteht ein neues, verknüpftes Modell mit eigener Space-ID, das nicht gegen das Active Space Limit zählt. Die Ausgangsmodelle bleiben unverändert bestehen und können in mehreren Vergleichsansichten gleichzeitig verwendet werden. Wichtig für die Kalkulation: Sie müssen aktiv bleiben, sonst bricht die Vergleichsansicht.

Für den Betrachter sieht das Ergebnis so aus: links der eine Bauzustand, rechts der andere, standardmäßig synchronisiert. Wer sich im linken Fenster bewegt, bewegt sich automatisch auch im rechten. Über **Slider View** lässt sich die Trennlinie verschieben, um eine Seite größer zu ziehen, über **Split View** geht es zurück zur hälftigen Teilung. Rundgang, Grundriss und Dollhouse funktionieren wie im Einzelmodell, Messungen lassen sich in beiden Fenstern spontan nehmen, und Tags, eigene Beschriftungen und geblurrte Bereiche aus den Ausgangsmodellen sind auch im Vergleich sichtbar. Sind mehr als zwei Scans hinterlegt, wählt der Betrachter über Dropdowns aus, welche zwei er gerade gegenüberstellen will ([Matterport Support, Stand Mai 2026](https://support.matterport.com/s/article/Side-by-Side?language=en_US)).

Warum das für Architekten den Unterschied macht

Der praktische Gewinn liegt nicht in der Optik, sondern in der Beweisführung. Wenn im Oktober diskutiert wird, was im Juni hinter der Vorwand lag, ist die Antwort kein Erinnerungsprotokoll mehr, sondern ein begehbarer Zustand, in dem sich direkt messen lässt. Nachträge werden prüfbar, weil man die behauptete Leistung mit dem dokumentierten Vorzustand vergleichen kann, statt über Fotos zu diskutieren, deren Aufnahmezeitpunkt und Blickrichtung niemand mehr sicher zuordnet.

Dazu kommt der schlichte Reiseeffekt. Wer regelmäßig scannt, muss für viele Rückfragen nicht mehr auf die Baustelle fahren, und Fachplaner, die nicht in der Nähe sitzen, können sich einen Zwischenstand selbst ansehen, statt einen Termin zu verabreden. Bei einem Projekt in Nordrhein-Westfalen mit Beteiligten aus mehreren Bundesländern summiert sich das schnell.

Ein dritter Punkt betrifft die Leistungsphase 9. Objektbetreuung und Gewährleistungsverfolgung leben davon, dass man Jahre später noch nachvollziehen kann, wie ein Bauteil hergestellt wurde. Ein Scan aus der Rohbauphase, der sich gegen den Zustand bei Abnahme legen lässt, ist dafür belastbarer als jeder Ordner mit Baustellenfotos. Wie eine solche Reihe für Architekten und Planungsbüros aufgesetzt wird, ohne dass daraus ein zweites Projekt neben dem Bau wird, steht auf der Branchenseite.

Warum das für Bauträger rechnet

Bauträger haben ein zusätzliches Interesse: Sie verkaufen an Erwerber, die später Mängel anzeigen, Sonderwünsche geltend machen oder bohren wollen. Ein dokumentierter Vorzustand hilft in allen drei Fällen. Bei Sonderwünschen lässt sich der Ausführungsstand vor der Änderung zeigen, bei Mängelanzeigen wird die Frage nach dem Zeitpunkt der Entstehung beantwortbar, und beim Thema Bohren in die Wand kann der Erwerber den Leitungsverlauf selbst nachsehen, statt im Zweifel eine Leitung zu treffen.

Der Vergleich zweier Zustände ist außerdem ein Vertriebsargument. Wer einem Interessenten den Rohbau und den fertigen Ausbau derselben Wohnung synchron nebeneinander zeigen kann, erklärt Bauqualität ohne ein einziges Datenblatt.
 

Wo die Ersparnis tatsächlich entsteht

Ehrlicherweise: Ich kenne keine belastbare Studie, die den Euro-Betrag pro Projekt beziffert, und ich erfinde auch keine. Die Hebel sind aber benennbar, und Sie können sie für Ihr eigenes Projekt durchrechnen.

Der größte ist die vermiedene Bauteilöffnung. Jede Öffnung kostet Handwerkerzeit, Wiederherstellung und meist einen Terminverzug für das nachfolgende Gewerk. Der zweite Hebel sind kürzere Klärungsschleifen: Eine Frage, die im Termin am Bildschirm entschieden wird, erzeugt keine Mailkette über vier Wochen. Der dritte sind entfallene Anfahrten. Der vierte, und der ist im Streitfall der größte, ist die Beweislage. Wer den Zustand vor dem Verschließen belegen kann, verhandelt anders.

Dem gegenüber steht der Aufwand: Ein Scandurchgang kostet Zeit auf der Baustelle und einen Lizenzplatz pro Modell, das aktiv bleiben muss. Bei vier Durchgängen über eine Bauzeit ist das kalkulierbar. Wenn ein einziger vermiedener Nachtrag oder eine einzige nicht geöffnete Wand die Kosten deckt, ist die Rechnung aufgegangen, und das ist bei den oben genannten 31 Mängeln pro Bauvorhaben keine gewagte Annahme.
 

Der Rhythmus entscheidet über den Nutzen

Ein einzelner Scan ist eine Momentaufnahme. Nutzen entsteht durch Reihen. Bewährt haben sich vier Zeitpunkte: nach Fertigstellung des Rohbaus, nach Verlegung von Elektro und Sanitär und ausdrücklich vor dem Schließen von Vorwänden und Schächten, nach dem Estrich und vor dem Oberbodenbelag sowie kurz vor der Abnahme. Der zweite Termin ist der wertvollste, weil danach nichts mehr sichtbar ist, was später zur Streitfrage wird.

Für den synchronen Vergleich zahlt sich Disziplin beim Scannen aus. Matterport empfiehlt, die Scanpositionen und die Kamerahöhe zwischen den Durchgängen möglichst identisch zu halten. Weichen sie ab, springt das folgende Fenster auf den nächstgelegenen Scanpunkt, und die Perspektiven laufen auseinander. Ich arbeite deshalb mit dokumentierten Standpunkten pro Geschoss und gleicher Stativhöhe über alle Durchgänge hinweg. Technisch ist jeder einzelne Durchgang dasselbe wie eine Bestandsaufnahme per 3D-Laserscan, nur eben mehrfach über die Bauzeit verteilt.

Was die Funktion heute noch nicht kann

Side-by-Side ist eine öffentliche Beta, und dazu gehört eine ehrliche Liste der Einschränkungen. Property Layout, also die automatische Raumaufmaß-Visualisierung, ist in der Vergleichsansicht noch nicht sichtbar, ebenso wenig Defurnished Views, eigene Custom Views mit Datenebenen und Guided Tours, selbst wenn sie in den Ausgangsmodellen existieren. Für die Auswahl der Modelle gilt derzeit die Grenze von 2.000 Scanpunkten aus dem Merge-Workflow, die laut Matterport noch angepasst werden soll.

Bei sehr großen baulichen Veränderungen zwischen zwei Zuständen stößt die synchrone Navigation an Grenzen, weil es im Gegenmodell schlicht keinen passenden Scanpunkt gibt. Dafür gibt es die Schaltfläche **Unlink Models**, mit der sich beide Fenster unabhängig bewegen lassen. Und wer ein Ausgangsmodell archiviert oder löscht, macht es in der Vergleichsansicht unbrauchbar, worauf Matterport vorher warnt.
 

Hinweis zur Genauigkeit

Ich arbeite mit einer Matterport Pro3 mit rotierendem LiDAR und 134,2 Megapixel. In der Bildqualität liegt sie deutlich vor reinen Messscannern, in der reinen Rohgenauigkeit liegt sie geringfügig darunter. Für die Baufortschrittsdokumentation, für Beweissicherung und für Aufmaße im Zentimeterbereich ist das der richtige Kompromiss. Wenn Ihr Projekt millimetergenaue Bestandsaufnahmen für die Fertigungsplanung braucht, sage ich das offen und empfehle ein anderes Verfahren, zum Beispiel den Scan mit dem Leica BLK360.

Nächster Schritt

Ich richte Side-by-Side gerade für meine Projekte ein und nehme ab sofort Bauvorhaben in NRW an, die über die Bauzeit hinweg regelmäßig gescannt werden sollen. Sinnvoll ist der Einstieg vor dem nächsten Verschließen von Bauteilen, nicht danach.

Schreiben Sie mir kurz, um welches Objekt es geht, in welcher Phase es steht und wie viele Quadratmeter zu dokumentieren sind. Ich melde mich mit einem Vorschlag für den Scanrhythmus und einer Kostenschätzung zurück.